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Mittwoch 06. Mai 2026

Die Special Kickers in der Inklusionsliga

«Emotionen, die man sonst nirgends erlebt» – Innerschweiz bekommt eine Inklusionsliga

Am Wochenende wurde sichtbar, was künftig zur Regel werden soll: Menschen mit Beeinträchtigung spielen Fussball im regulären Vereinsbetrieb. Eine neue Inklusionsliga im Innerschweizerischen Fussballverband soll ab Sommer genau das ermöglichen.

Noel Amhof hat es sich einfacher vorgestellt. Die Gegner seien stärker als erwartet, sagt er nach dem zweiten Spiel am vergangenen Sonntag. Umso grösser ist die Freude über sein Tor für die Lindenkickers – das Team für Menschen mit besonderen Bedürfnissen beim FC Gunzwil. Als der 20-Jährige mit Trisomie 21 gegen den FC Kickers Luzern trifft, lässt er sich symbolisch die Schuhe putzen.

Das Turnier, an dem auch der FC Wolhusen und der FC Bruschgol teilnehmen, dient als Demo-Spieltag. Dieser soll erlebbar machen, wie Menschen mit einer Beeinträchtigung am Vereinsleben teilhaben können – und gleichzeitig zeigen, ob die geplante Inklusionsliga im Sommer starten kann. «Regelmässig am Wochenende tschutten zu können, ist mein grosser Wunsch», sagt Amhof. «Bestimmt kommen dann auch noch mehr Fans.»

Gemäss dem Fazit von Projektleiter Sandro Erni nach dem Turnier dürfte sich Amhofs Wunsch erfüllen: «Ich bin sehr glücklich über den Tag. Er war der Startschuss für neue Strukturen und wird wohl noch hohe Wellen schlagen.» Nun sollen die Erfahrungen aus dem Demo-Spieltag gemeinsam mit den beteiligten Vereinen ausgewertet und bei Bedarf Anpassungen am Konzept vorgenommen werden. «Es ist entscheidend, dass alle im selben Boot sitzen», sagt der 25-jährige Gunzwiler.

Inklusion zieht in den IFV ein

Die Liga wird von Football Is More in Zusammenarbeit mit dem Innerschweizerischen Fussballverband gegründet und ist damit die erste offizielle Regionalverbands-Inklusionsliga in der Schweiz. Gerade diese Einbettung in bestehende Vereine und offizielle Verbandsstrukturen macht das Projekt besonders. «Wenn wir davon sprechen, dass wir für beeinträchtigte Personen die gleichen Strukturen haben wollen wie für nicht beeinträchtigte, ist das der einzig richtige Schritt», hält Erni fest. «Die Teams werden auf der Verbandsseite geführt, und an einem Samstagnachmittag laufen auf dem Fussballplatz neben Juniorenteams auch Teams mit beeinträchtigten Spielerinnen und Spielern auf.»

Erni ist mit einer Person mit Trisomie 21 aufgewachsen und stand selbst lange für den FC Gunzwil auf dem Platz. Daneben war er zehn Jahre als Trainer tätig und baute die Lindenkickers auf. Aus dieser Arbeit heraus entstand schliesslich die Idee zur Inklusionsliga. Neben dem FC Gunzwil sollen auch die drei weiteren Vereine, die am Demo-Spieltag teilgenommen haben, Teil der Liga werden. Perspektivisch dürften weitere Vereine Teams aufbauen, damit Spieltage in der ganzen Innerschweiz stattfinden. «Jeder sollte die Möglichkeit haben, in seiner Region Fussball zu spielen», so der Initiant.

Die Liga setzt auf Chancengleichheit

Geplant sind sechs Spieltage mit drei Partien pro Team, wobei jeweils ein Verein als Gastgeber fungiert. Gespielt wird mit einem Torhüter und fünf Feldspielern auf einem Viertel-Fussballfeld, analog zu den E-Junioren. Überhaupt wird die Liga so konzipiert, dass sie sich in bestehende Strukturen integrieren lässt. Hinter der Wahl der Spielfeldgrösse steckt laut Erni jedoch ein weiterer Gedanke: «Das Zauberwort im Inklusionssport ist Chancengleichheit. Je grösser die Felder, desto schwieriger wird es für schwächere Spieler, mitzuhalten. Physisch überlegene Spieler stechen dann stärker heraus – das versuchen wir einzudämmen.»

Eine Herausforderung wird es sein, einigermassen ausgeglichene Teams zusammenzustellen. Entsprechend kommt den Trainerinnen und Trainern eine wichtige Rolle zu: Sie können den Spielfluss etwa durch Ein- und Auswechslungen oder Über- und Unterzahlsituationen beeinflussen, um möglichst faire Bedingungen zu schaffen. Organisatorisch ist vieles bereits aufgegleist für die Liga, nur ein Naming-Sponsor wird noch gesucht. Für die erste Saison hat Erni vor allem einen Wunsch: «Etwas aufzubauen, das in fünf, zehn oder zwanzig Jahren völlig normal ist.»

Dazu beitragen soll auch eine gezielte Trainerausbildung von Football Is More, die als Nächstes am 29. und 30. Mai in Gunzwil stattfindet und noch freie Plätze hat. Im Zentrum stehen die Herausforderungen im inklusiven Fussball: unterschiedliche Leistungsniveaus innerhalb eines Teams, flexible Trainingsgestaltung und der Umgang mit Notfällen. «Im Grunde ist es wie bei jeder Mannschaft. Trainerinnen und Trainer müssen adaptiv sein – bei inklusiven Teams einfach noch stärker», erklärt Erni. Warum sich das Engagement lohnt, zeigt sich für ihn auf dem Rasen: «Menschen mit Beeinträchtigungen lassen Emotionen oft ungefiltert raus – in beide Richtungen. Gerade Tore oder Medaillen sorgen für Emotionen, die man sonst nirgends erlebt.»

Bericht aus der Luzernerzeitung vom 06. Mai 2026. Autorin: Sina Heimgartner, Fotos: Boris Bürgisser. 

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